1 % für EdTech in Deutschland

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Education Technology (Fotolia)

Unter dem Titel „Beauty statt Bildung“ veröffentlichte ich vor knapp zwei Jahren eine ernüchternde Bilanz der Gründungs- und Finanzierungsdynamik im deutschen EdTech-Bereich. In den Portfolios der führenden Investoren und VCs fanden sich damals nur sehr vereinzelt junge Bildungsunternehmen und Start-ups.

Wie ist die Situation heute – was hat sich getan?

Um es vorweg zu nehmen: Nicht viel hat sich verändert. Laut aktuellem EY-„Start-up Barometer“ ist  zwar sowohl das Start-up-Finanzierungsvolumen insgesamt als auch die Anzahl von Finanzierungsrunden angestiegen – im EdTech Segment ist der Trend jedoch gegenläufig: Während in 2018 gerade einmal drei „EdTechs“ mehr finanziert wurden als 2017, ging das Investitionsvolumen im Vergleich zum Vorjahr um satte 40 Prozent zurück.  Nicht einmal 1 Prozent der Start-up Investitionen in Deutschland geht also in junge Bildungsunternehmen. Wie lässt sich dieser Befund einordnen, erklären, begründen?

Beginnen wir mit einer ländervergleichenden, zahlenmäßigen Einordnung:

43 Mio. Venture Capital für EdTechs hierzulande stehen im Kontrast zu etwa 203 Mio. €, die alleine in Großbritannien in 2018 investiert wurden. In Gesamt-Europa waren es im selben Zeitraum ca. 616 Mio. €. Somit können alleine die 1.200 britischen EdTech Unternehmen etwa ein Drittel des VCs für EdTech-Unternehmen in Europa auf sich beziehen. Die deutschen Bildungs-Start-ups können demgegenüber gerade einmal 6 Prozent der Investitionen in Europa auf sich beziehen. Ähnliche Größenverhältnisse herrschen im weltweiten Vergleich: Allein im Juli 2018 wurde in China ungefähr dieselbe Summe in EdTechs investiert wie in ganz Europa im ganzen Jahr!

EdTechs in Deutschland?

Es ist nicht ganz einfach, VC-finanzierte EdTechs in Deutschland zu identifizieren. Nach wie vor finden sich Bildungs-Start-ups in den Portfolios unterschiedlicher Gründungsfinanzierer nur am Rande. Auch die EdTech Gruppe im Bundesverband Deutsche Startups e.V. scheint in den letzten Jahren nicht nennenswert gewachsen zu sein: Nach wie vor engagieren sich hier um die 30 Education Start-ups, wobei manche, wie z.B. Sofatutor oder Lecturio, inzwischen kaum mehr als solche zu bezeichnen sind. Halten wir also fest: EdTechs in und aus Deutschland sind weiterhin nicht auf dem Schirm der einschlägigen VCs.

Womit wir bei dem Versuch einer Erklärung für diesen Rückstand in Deutschland angekommen sind.

Svenia Busson, eine der besten Branchen-Kennerinnen in Europa, konstatiert für alle EdTechs auf der Welt ähnliche „pain points”: “the complexity of addressing their market and education stakeholders (educators, school leaders, deans), the difficulty to understand mechanisms of learning and to design products for learning purposes.” Wenn aber die „pain points“ überall vergleichbar sind, weshalb performen dann die EdTechs in UK – jedenfalls aus Sicht der VCs – offenbar besser als in Deutschland?

Auf einen wichtigen Aspekt wies vor kurzem „The Guardian“ hin: Der Britische Bildungsbereich sei in Sachen Digitalisierung deutlich weiter als in anderen Ländern. Englische Schulen geben demnach pro Jahr 900 Mio. Pfund für Educational Technologies aus – möglicherweise können also die britischen EdTechs genau davon profitieren? Ein anderer Aspekt könnte darin liegen, dass privat finanzierte Bildungseinrichtungen aufgeschlossener für digitales Lernen sind als staatliche Organisationen. Darauf lässt jedenfalls ein Befund aus dem Monitor Digitale Bildung/Weiterbildung schließen, nach dem die privaten Weiterbildungsanbieter in Deutschland in Sachen Digitalisierung deutlich vor den öffentlichen Einrichtungen rangieren.

Mit Sicherheit spielen die Kosten eine erhebliche Rolle, wenn es um die Adaptionsbereitschaft digitaler Lernlösungen geht. Überbordende Kosten im Bildungsmarkt, mangelhafte Effizienz oder fehlende zeitgemäße Bildungsangebote erhöhen den Leidens- und Handlungsdruck auf „Kunden“-Seite und damit auch die Chancen für disruptive Neugründer überall auf der Welt. Junge und erfolgreiche Bildungsunternehmen hierzulande, wie etwa „SimpleClub“ oder „Math 42“, „Amboss“, „Fobizz“ oder „neocosmo“ reagieren auf unzureichende, teure oder ineffiziente Bildungsstrukturen und schaffen sich ihren Markt jenseits staatlicher Institutionen, z.B. im Bereich der Corporate Education, dem Life Long Learning oder dem schulischen Nachmittagsmarkt.

Da jedoch angesichts der stockenden Digitalisierung von Schulen und Hochschulen hierzulande kaum zu erwarten ist, dass sich die EdTech-Marktpotenziale im institutionellen Bildungsbereich auf mittlere Sicht nennenswert erhöhen, werden auch die VCs in diesem Segment entsprechend zurückhaltend bleiben.

Was also tun, wenn man nicht hinnehmen möchte, dass Bildungsinnovationen vor allem außerhalb Deutschlands entstehen und gedeihen?

Aus meiner Sicht wären kurzfristig zwei Maßnahmen unabdingbar:

  1. Zunächst halte ich es für notwendig, den EdTech-Bereich in Deutschland überhaupt einmal expliziter in den Blick zu nehmen und ihn empirisch zu vermessen: Welches sind die Player und Akteure, Geschäftsfelder und Technologien? Wie sehen die wichtigsten Kennziffern aus? Woran scheitern EdTechs in Deutschland? Welche Erfolgsfaktoren sind festzustellen?
  2. Daneben wäre es sinnvoll, den EdTech Bereich hierzulande durch gezielte Supportprogramme, Acceleratoren, Inkubatoren, Wettbewerbe sowie einschlägige Vernetzungs- und Präsentations-Plattformen zu fördern. Dies kann evtl. nach österreichischem Vorbild geschehen, wo eigens eine „Innovationsstiftung für Bildung“ gegründet wurde; oder auch nach Schweizer Vorbild, wo Ende 2017 zehn vielversprechende EdTechs vom dortigenKickstart Accelerator – einer Initiative von digitalswitzerland – zur Förderung ausgewählt wurden, um im Coworking-Space des „EdTech Collider“ in Lausanne ein intensives 11-wöchiges Programm zu durchlaufen.

Die strukturellen Rahmenbedingungen des Bildungsmarktes in Deutschland werden sich so bald nicht ändern. Umso notwendiger wäre es deshalb, dass die verantwortlichen Akteure im öffentlichen Bildungssystem künftig viel enger mit den Innovationstreibern aus Start-ups vernetzt werden und gemeinsam an modernen Bildungsangeboten arbeiten.

Links:

Ulrich Schmid: Beauty statt Bildung

Startup-Barometer Deutschland

Svenia Busson: Launching an Edtech Startup Accelerator

The Guardian: Out with the old school? The rise of ed tech in the classroom

Monitor digitale Weiterbildung

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1 % für EdTech in Deutschland

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About The Author
- Dr. Ulrich Schmid is the managing director of MMB institute. He has dealt with the digitization of learning throughout his career - as a researcher, in universities, in publishing houses and in software companies.

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